Archiv der Kategorie: Unsinn

A154 – Das Rhinozeros in der Meldehalle

Rührseliges Rohrzucker-Rhinozeros. Rasendes Raddrenn-Rhinozeros. Ramponiertes Rempel-Rhinozeros. Alliterarisches Rhinozerossen war damals mein Hobby. Echter Kraftwortsport. Ich saß in der unendlichen Öde einer Meldehalle und war exakt die Nummer A154. Man kennt das, kaum betritt man eine Meldehalle, schon ist man mitsamt seinem ganzen Leben zu einer Nummer degradiert. In Anbetracht der Umstände war mir die Nummer A154 allerdings gerade Recht. A154 ist eine annehmbare Nummer. Schon das A ist schön. A wie Andalusien, Astronaut oder auch Ackerwinde. 154 ist auch O.K. Das ist eine gerade Zahl. Zwar nicht so schön wie 152, die ist näher dran, aber immerhin besser als 153, ungerade, unschön. Und selbst mit der A154 ist man irgendwann Erster, wenn das Amt die A153 verbraucht hat. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg, auf dem mir dann tatsächlich ein Rhinozeros begegnete.

Wie es in den Flur der Meldehalle kam, war nicht so ganz klar. Im ersten Moment war ich hocherfreut. Denn, wenn nicht ein Rhinozeros höchstselbst, wer dann könnte mir neue alliterarische Rhinozeros-Kraftwortsport-Impulse geben? Leider war es ein sehr trauriges Rhinozeros. Immerzu musste es weinen. Doch überall da, wo seine Tränen hinfielen, wuchsen Blumen. Wunderschöne Blumen mit roten, gelben und blauen Blüten. Und weil das Rhinozeros immerzu weinen musste, war schon fast die ganze Meldehalle voll mit Blumen.

Wie ich erfuhr, war das Rhinozeros  in der Meldehalle, weil ein Schutzmann ihm einen Strafzettel verpasst hatte. Man dürfe keinen Panzer ohne ein Nummernschild auf der Straße bewegen, hatte der Schutzmann gesagt. Wo käme man denn da hin, wenn selbst die Bundeswehr Nummernschilder an ihren Panzern habe und ein dahergelaufenes Rhinozeros nicht. Es solle sofort aufs Amt sich ein Nummernschild besorgen oder aus seinem Panzer aussteigen, hatte der Schutzmann es streng angeherrscht. Dann hatte er dem Rhinozeros auch noch seinen roten Gummiball abgenommen. Deshalb musst es ständig weinen. Das Rhinozeros hatte ein schlichtes Gemüt und wollte doch nur mit seinem Gummiball spielen. Ein weinendes Rhinozeros ist ein deprimierender Anblick.

Auf jeden Fall kam später ein holländischer Blumenhändler zufällig in Meldehalle. Ich glaube, er hatte die Nummer A183. Bin mir aber nicht mehr sicher. Nur, dass es irgendeine ungerade Zahl war, weiß ich noch. Das zeigte schon seinen liederlichen Charakter. Zumal er weiße Socken zum fliederfarbenen Ohrfeigengesicht trug. Er war sofort hin und weg von der Blumenpracht und fing an, das Rhinozeros zu umgarn. Machte sich beliebt. Tat so als wäre er der beste Freund des Rhinozeros, dabei war er gar nicht an dem Rhinozeos und seiner traurigen Geschichte interessiert. Er wollte nur seine Blumen. Als er dann das Geheimnis des Rhinozeros kannte, sperrte er es ein. Versprach ihm den schönsten roten Gummiball der Welt, um es bei Laune zu halten. Die Blumen verschiffte er nach Amsterdam und wurde ein steinreicher Mann.

Anfangs glaubte ihm das Rhinozeros noch, aber nach und nach kamen ihm Zweifel. Schließlich versuchte es auszubrechen. Doch es kam nie weit. Der holländische Blumenhändler musste ja nur der Spur der Blumen folgen. Das machte das Rhinozeros immer trauriger und es musste noch mehr weinen. Und je mehr es weinte, desto reicher wurde der Blumenhändler. Am Ende hatte das Rhinozeros alles aus sich herausgeheult. Als der Blumenhändler eines Morgens in den Stall kam, stand da nur noch eine leere Rhinozeroshülle. Er schrie es an, es solle endlich weinen und schlug es sogar. Aber es war nichts mehr übrig von dem Rhinozeros. Da ließ er es einfach auf den Müll werfen und machte sich aus dem Staub.

Glücklicherweise fand ich noch das Horn des Rhinozeros und pflanzte es in meinen Garten. Und siehe da, aus dem Horn wuchs ein wunderschöner Baum mit einer einzigen großen blauen Blüte. Und aus der blauen Blüte wurde eine steingraue Frucht. Die Frucht wuchs und wuchs, bis sie eines Tages zu einem Rhinozeros wurde, das lachend mit einem roten Gummiball auf mich zu lief und mir sagte, die Nummer A154 dürfe jetzt an Schalter 3 der Meldehalle…..

Foto via: Moonsofjupitr

Geschichten, die nicht erzählt werden wollen

Es ist ja nicht so, als wenn ich nichts zu erzählen hätte. Es ist so, dass es sich nicht erzählen lassen will. Die Geschichte macht Männchen und irrlichtert übers Papier, lässt sich einfach nicht fassen. Streckt mir die Zunge raus und widersetzt sich jeglicher Struktur. Die Mitte steht am Anfang, das Ende in der Mitte und der Anfang am Ende. Zwischendrin  marodieren herrenlose Wörter. Da, da läuft „Hinterschinken“. Mein Gott, wie es schreit und quieckt, kann es denn niemand einfangen. Und was ist das schon wieder? Kaum ist der Hinterschinken fort, schleicht ein völlig verdrehtes Makrameehörnchen gefolgt von einer Eiseule aus der Ecke. Augenscheinlich hat es eine missglückte Wortfusion in einer hinteren Hirnwindung gegeben. Nachdem ich sie behutsam ins Wortsanatorium geschoben habe, muss ich noch das Gürteltier und das Mondkalb vertreiben – Katastrophentouristen, die sich das Durcheinander aus der Nähe ansehen wollen. Und kaum sind die weg, taucht ein lyrischer Mützenzwerg auf, dem es beliebt zu dichten:

Das Mieder

war ihm zuwider

Deshalb trug er das Mieder

nie wieder -

der Biber.

Der lyrische Mützenzwerg schaut beifallsheischend in die Runde und ich schubs ihn schnell weg, bevor er seine Kollegen aus den wilden Wortbergwerken rufen kann. Es entsteht nur ein kurze Verschnaufpause, denn der Fluxus-Wissenschaftsclown hat ungeduldig darauf gewartet, in die Stille zu trompeten. Man befinde sich in einer Konsistenztangente, deren Maß an Entropie nur an die aufkommende Ikonoklastik der Pyrrhussieger der 30jährigen liturgischen Kriege erinnere. Man müsse die heraldischen Herolde an der exponentiellen Explosion hindern und in die Entität zurü….. Ich haue ihm kurzerhand aufs Maul. Plötzliche Stille stellt sich ein. Ich beginne, in der Gedankenlosigkeit zu treiben. Glückliches Gleiten in schwebender Schwingung…. schwindender Schwere…..schwelender Schwellung….schwabbelnder Schwanung….schwurbelnder Schwungung…….schwoliger Schwörge….schwappender Schwippe…. Oh, verflucht ein Ohrwurmloch. Mein kleiner grüner Kaktus sticht sticht sticht, hallt es durch die Leere. Entnervt binde ich den Ansatz der Geschichte an einen Konten im Taschentuch und lege mich in die Sonne.

Männergruppe

Ist mir doch egal, dass ich aus der Männergruppe  geflogen bin. Geh ich da halt nicht mehr hin. War so oder so blöd da, seit der Herbert in die Gruppe gekommen ist. Der hat mich von Anfang an gemobbt. Das fing schon beim Singkreis an. Da hat der mir immer mit dem Stäbchen von der Triangel in die Seite gepiekt. Ganz fies, so dass die Anneli, die unsere Gruppenleiterin ist, das nicht gesehen hat. Ich hab ihm dann meine Blockflöte auf den Kopf gehauen. Da ist er gleich ganz theatralisch von seinem Stuhl gekippt, als hätte ich ihm die Eigernordwand auf den Kopf geworfen. Dabei war das gar nichts. Nur ein bisschen auf den Kopf geklopft habe ich ihm, fast schon gestreichelt. Natürlich war ich sofort der Böse. Alle sind um den Herbert rumgestanden, haben ganz besorgt geguckt und gefragt, ob sie einen Krankenwagen holen sollen. Ich musste zur Strafe fünf Mandalas ausmalen. Damit ich mich beruhige, hat die Anneli gesagt. So ein Blödsinn, ich war ganz ruhig. Der Herbert war nicht ruhig, der lag auf der Erde und hat die ganze Zeit gejammert. Sogar noch als ich fertig war mit Mandalaausmalen. Er hätte bestimmt einen Schädelbasisbruch, hat er immer gerufen. Mich haben alle böse angesehen. Dabei wussten die genau, dass der Herbert mich zuerst gepiekt hat. Ich hab dann auch nicht mehr mitgemacht beim Singkreis und gesagt, sie sollten sich doch jemand anderes für das Blockflötensolo bei „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ suchen, ich würde das nicht mehr spielen.  Nachmittags ging es dann weiter. Beim Völkerball war der Herbert schon wieder quietschfidel, keine Spur mehr von Schädelbasisbruch. Natürlich musste er unbedingt Himmelmann sein, sonst würde er sofort wieder Kopfschmerzen bekommen, sagte er. Der Dirk, der die Völkerball AG macht, hat dann auch ganz mitleidig geguckt und gesagt sie sollten den Herbert doch mal Himmelmann sein lassen, der habe ja einen ganz schlimmen Tag gehabt. Dabei hat er mich dann strafend angesehen. Zum Glück war ich in der anderen Mannschaft. Lief auch alles super. Bis zum Schluss als es eng wurde. Da habe ich den Herbert mit einer Blutgrätsche umgesenst. War ein taktisches Foul. Ehrlich. Herbert lag auch sofort wieder auf dem Boden und hat geschrien wie am Spieß, er könne seine Beine nicht mehr spüren. Und der Dirk hat gesagt, dass wäre jetzt nicht nett von mir gewesen. Ich solle in die Mitte kommen, einen Baum imaginieren und tief in den Boden atmen. Das würde mir helfen, meine unterdrückten Aggressionen zu bewältigen. Ich hab ihm dann gesagt, dass er sich seinen Baum rektal einführen könne, sein Arschloch sei ja groß genug. Da ist der Dirk ganz aufgeregt geworden und hat gesagt ich soll jetzt rausgehen und wenn ich mich besonnen hätte, dürfte ich wiederkommen. Mann war ich sauer. Noch nicht mal meine eigene Mannschaft hat mir geholfen. Haben alle keine Eier. In der Umkleidekabine stand dann Dirks Sporttasche. Da habe ich ihm einfach was von meiner ABC-Wärmesalbe in die frische Unterhose geschmiert. Danach bin ich wieder reingegangen und habe so getan, als wäre alles wieder O.K. Habe sogar ein bisschen einen Baum imaginiert. Hat sich gelohnt. War das ein Spaß nach dem Duschen. So richtig gemerkt hat es der Dirk erst, als er die Jeans schon an hatte. Ganz still ist er geworden und dann haben sich kleine Schweißperlen auf seiner Stirn gebildet. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so schnell seine Hose auszieht. Wie ein Rumpelstilzchen auf Koks ist er durch die Umkleide gehüpft. Hat immer gebrüllt, er würde mich umbringen und dafür sorgen, dass ich auf Lebenszeit aus der Männergruppe ausgeschlossen würde. Ich habe ihm dann gesagt, er solle doch mal einen Baum imaginieren und tief in den Hoden atmen, das würde bestimmt helfen. Was er dann gesagt hat, schreibe ich besser nicht auf. Na ja, gehe ich halt nicht mehr in die Männergruppe. Vielleicht auch besser so. Vielleicht sollte ich mal was Richtiges für echte Kerls machen.

Warten wir doch einfach ein Weilchen

Ah, da ist sie, eine Gelegenheit zum Warten. Eine großartige Gelegenheit zum Warten – um nicht zu sagen einzigartig. So eine feine Gelegenheit zu Warten hat man nur ganz selten im Leben. Man könnte es sich jetzt im Warten gemütlich machen, wenn es nicht angefangen hätte zu regnen. Regen und Warten ist zusammengenommen nicht so gut. Das versaut einem die ganze feine Gelegenheit zu warten. Insgesamt wird Warten ja meist unterschätzt. Man könnte so viele Dinge tun, während man wartet. Wobei, dann wartet man ja nicht mehr wirklich, sondern tut Dinge. Also lass ich das jetzt mal, das mit den Dingen tun, und konzertiere mich ganz auf das Warten. Konzentriertes Warten könnte in Zukunft zum Trendsport werden. Eine ganze Warteindustrie beschäftigt tausende von Menschen, die Warteprodukte herstellen. In den Sportgeschäften stehen direkt neben den Laufschuhen die Warteschuhe. Das neue Modell von Adidas mit extra dicker warteoptimierter Sohle. Experten sprechen auch von der wartierten Sohle. Und die Alten werden sagen: „Früher haben wir uns ja die Gelenke mit dem ganzen Warten kaputt gemacht. Stundenlang habe wir mit italienischen Lackshuhen bei Frost auf einer Stelle gestanden und gewartet. Wir hatten ja nichts. Wir waren ja die ersten Warter. Damals musste man noch auf Bahnhöfen, in Bushaltestellen und auf Amtsfluren warten. Ja so war das. Nicht so wie heute die ganzen Hobbywarter, die Wartekurse belegen und in gepolsterten Wartehallen herumstehen. Neuerdings gibt es ja sogar schon Nordic-Warten. Albern, wie die da mit ihren Stöcken herumstehen“. Echtes Extremwarten gibt es dann nur noch draußen in den großen Städten. Im Fernsehen wird während der Hauptnachrichten über einen Extremwarter berichtet, der acht Stunden in einer überfüllten Arztpraxis gewartet hat und das Barfuß ohne Sauerstoffgerät.

Aber so weit ist es ja noch nicht. Bis Warten zum Trendsport wird, muss ich hier noch ein bisschen alleine vor mich hin warten. Ein paar Mitwarter wären gar nicht schlecht. In der Gruppe wartet es sich ja leichter. Da ist das Warten dann auch nicht so gefährlich. Warten kann unter Umständen richtig gefährlich sein. Manchmal, wenn man nachts nach Hause geht, wartet man ja nur darauf, dass was passiert. In der Gruppe ist das nicht ganz so gefährlich, da kann man sich dann gegenseitig helfen, wenn das passiert, worauf man gewartet hat. Meist weiß man aber nicht so genau worauf man eigentlich wartet, wenn man darauf wartet, dass etwas passiert. Das ist auch irgendwie blöd. Wenn dann etwas passiert, worauf man ja gewartet hat, dann ist man sich nicht sicher, ob es wirklich das war, worauf man gewartet hat, weil man ja nicht so genau wusste, worauf man gewartet hat. Am Ende ist man völlig verwirrt, weil man nicht weiß, ob man jetzt weiter darauf warten muss, dass etwas passiert, oder nicht. Da ist es besser man wartet nicht. Manchmal ist es in Gruppen auch so, dass alle darauf warten, dass etwas passiert, dass dann aber nicht eintritt – zumindest nicht sofort. Anfangs lamentieren alle noch rum: „Sollen die mal machen, ich warte ja nur darauf das etwas passiert, dann werden die ja schon sehen“. Meist passiert dann lange Zeit erstmal nix und die Leute warten und lamentieren so vor sich hin. Und wenn die Mittagspause kommt, war es das mit dem Warten. Sie vergessen einfach worauf sie gewartet haben. Denn nach der Mittagspause warten sie nur noch darauf, dass der Feierabend kommt. Der Feierabendwarter hat Vorrang vor allem anderen Warten. Das ist sozusagen Top-Level-Warten.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht schlecht, wenn man vergisst, worauf man wartet. In der Therapie könnte man großartige Erfolge damit erzielen, Menschen während des Wartens vergessen zu lassen, worauf sie warten. Ein ganz neuer Therapieansatz wäre das. Man könnte sogar ganz Deutschland auf einmal therapieren. Man müsste nur die Bahn in Wartetherapiezentrum umbenennen. Im Bereich Warte-Know how ist die Bahn schon jetzt Technologieführer. Die Therapien könnten sogar auf einen Schlag bundesweit flächendeckend angeboten werden. Damit hätte die Bahn auch keine Probleme mehr mit der Instandhaltung von Schienennetz und Zügen. Bräuchte man nicht mehr. Die Leute sollen ja nur darauf warten. Lediglich den ein oder anderen Zug könnte man behalten, um spontane Wareterfolge zu simulieren. Manche Leute sind ja nicht zum Warten geboren. Die werden dann ärgerlich. Obwohl die reine Wartetherapietheorie sagt, man soll sie solange warten lassen, bis sie sanft wie die Lämmer sind. Zur Not könnte man für akute Fälle die Warteschleifen der Hotlines zu Telefonseelsorgen umfunktionieren. Mir geht es ja oft so, dass ich ärgerlich bei einer Hotline anrufe, um mich zu beschweren und wenn dann nach Stunden ein freundliche Stimme fragt, was sie für einen tun könne, bekomme ich nur ein leises „äh?“ raus und lege schnell auf. Wenn es mir wieder einfällt, warum ich anrufen wollte, ist meist die Garantiezeit für das Gerät abgelaufen. Ich glaube da steckt Methode hinter. Manchmal schlafe ich auch berieselt von der Hotline-Hintergrundmusik einfach ein und werde dann von den Servicemitarbeitern geweckt. Obwohl die Gefahr ja gering ist. So ein bis zwei Stunden Schlaf bekommt man auf diese Art und Weise immer hin. Ich habe mir sogar ein eigenes Adressbuch mit Hotline-Rufnummern zugelegt, das ich immer nutze, wenn ich nachts nicht schlafen kann.

Aber jetzt steh ich ja hier und habe diese feine Gelegenheit, ausgeschlafen und bei vollem Bewusstsein zu warten. Man muss die Chancen, die einem das Leben bietet zu nutzen wissen. Später zünde ich mir vielleicht eine Zigarette an. Denn wenn man sich eine Zigarette anzündet, kommt immer der Bus. Egal wo, wann und wie, er kommt, auch wenn man nicht auf ihn wartet.

Ah, da ist sie, eine Gelegenheit zum Warten. Eine großartige Gelegenheit zum Warten – um nicht zu sagen einzigartig. So eine feine Gelegenheit zu Warten hat man nur ganz selten im Leben. Man könnte es sich jetzt im Warten gemütlich machen, wenn es nicht angefangen hätte zu regnen. Regen und Warten ist zusammengenommen nicht so gut. Das versaut einem die ganze feine Gelegenheit zu warten. Insgesamt wird Warten ja meist unterschätzt. Man könnte so viele Dinge tun, während man wartet. Wobei, dann wartet man ja nicht mehr wirklich, sondern tut Dinge. Also lass ich das jetzt mal, das mit den Dingen tun, und konzertiere mich ganz auf das Warten. Konzentriertes Warten könnte in Zukunft zum Trendsport werden. Eine ganze Warteindustrie beschäftigt tausende von Menschen, die Warteprodukte herstellen. In den Sportgeschäften stehen direkt neben den Laufschuhen die Warteschuhe. Das neue Modell von Adidas mit extra dicker warteoptimierter Sohle. Und die Alten werden sagen: „Früher haben wir uns ja die Gelenke mit dem ganzen Warten kaputt gemacht. Stundenlang habe wir mit italienischen Lackshuhen auf einer Stelle gestanden und gewartet. Wir hatten ja nichts. Wir waren ja die ersten Warter. Damals musste man noch auf Bahnhöfen, in Bushaltestellen und auf Amtsfluren warten. Ja so war das. Nicht so wie heute die ganzen Hobbywarter, die Wartekurse belegen und in gepolsterten Wartehallen herumstehen. Neuerdings gibt es ja sogar schon Nordic-Warten. Albern, wie die da mit ihren Stöcken herumstehen“. Echtes Extremwarten gibt es dann nur noch draußen in den großen Städten. Im Fernsehen wird während der Hauptnachrichten über einen Extremwarter berichtet. Acht Stunden hat er in einer überfüllten Arztpraxis gewartet und das Barfuß ohne Sauerstoffgerät.

Aber so weit ist es ja noch nicht. Bis Warten zum Trendsport wird, muss ich hier noch ein bisschen alleine vor mich hin warten. Ein paar Mitwarter wären gar nicht schlecht. In der Gruppe wartet es sich ja leichter. Da ist das Warten dann auch nicht so gefährlich. Warten kann unter Umständen richtig gefährlich sein. Manchmal, wenn man nachts nach Hause geht, wartet man ja nur darauf, dass was passiert. In der Gruppe ist das nicht ganz so gefährlich, da kann man sich dann gegenseitig helfen, wenn das passiert, worauf man gewartet hat. Meist weiß man aber nicht so genau worauf man eigentlich wartet, wenn man darauf wartet, dass etwas passiert. Das ist auch irgendwie blöd. Wenn dann etwas passiert, worauf man ja gewartet hat, dann ist man sich nicht sicher, ob es wirklich das war, worauf man gewartet hat, weil man ja nicht so genau wusste, worauf man gewartet hat. Am Ende ist man völlig verwirrt, weil man nicht weiß, ob man jetzt weiter darauf warten muss, dass etwas passiert, oder nicht. Manchmal ist es in Gruppen auch so, dass alle darauf warten, dass etwas passiert, dass dann aber nicht eintritt – zumindest nicht sofort. Anfangs lamentieren alle noch rum: „Sollen die mal machen, ich warte ja nur darauf das etwas passiert, dann werden die ja schon sehen“. Meist passiert dann lange Zeit erstmal nix und die Leute warten und lamentieren so vor sich hin. Und wenn die Mittagspause kommt, war es das mit dem Warten. Sie vergessen einfach worauf sie gewartet haben. Nach der Mittagspause warten sie so oder so nur noch darauf, dass der Feierabend kommt. Der Feierabendwarter hat Vorrang vor allem anderen Warten. Das ist sozusagen Top-Level-Warten.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht schlecht, wenn man vergisst, worauf man wartet. In der Therapie könnte man großartige Erfolge damit erzielen, Menschen während des Wartens vergessen zu lassen, worauf sie warten. Ein ganz neuer Therapieansatz wäre das. Man könnte sogar ganz Deutschland auf einmal therapieren. Man müsste nur die Bahn in Wartetherapie-Zentrum umbenennen. Im Bereich Warte-Know how ist die Bahn ja eigentlich schon jetzt Technologieführer. Die Therapien könnten sogar auf einen Schlag flächendeckend bundesweit angeboten werden. Damit hätte die Bahn auch keine Probleme mehr mit der Instandhaltung von Schienennetz und Zügen. Bräuchte man ja nicht mehr. Die Leute sollen ja nur darauf warten. Lediglich den ein oder anderen Zug könnte man behalten, um spontane Wareterfolge zu simulieren. Manche Leute sind ja nicht zum Warten geboren. Die werden dann ärgerlich. Obwohl die reine Wartetherapietheorie ja sagt, man soll sie solange warten lassen, bis sie sanft wie die Lämmer sind. Für akute Fälle könnte man die Warteschleifen der Hotlines zu Telefonseelsorgen umfunktionieren. Mir geht es ja oft so, dass ich ärgerlich bei einer Hotline anrufe, um mich zu beschweren und wenn dann nach Stunden ein freundliche Stimme fragt, was sie für einen tun könne, bekomme ich nur ein leises „äh?“ raus und lege schnell auf. Wenn es mir wieder einfällt, warum ich anrufen wollte, ist meist die Garantiezeit für das Gerät abgelaufen. Ich glaube da steckt Methode hinter. Manchmal schlafe ich auch berieselt von der Hotline-Hintergrundmusik einfach ein und werde dann von den Servicemitarbeitern geweckt. Obwohl die Gefahr ja gering ist. So ein bis zwei Stunden Schlaf bekommt man auf diese Art und Weise immer hin. Ich habe mir sogar ein eigenes Adressbuch mit Hotline-Rufnummern zugelegt, das ich immer nutze, wenn ich nachts nicht schlafen kann.

Aber jetzt steh ich ja hier und habe diese feine Gelegenheit, ausgeschlafen und bei vollem Bewusstsein zu warten. Man muss die Chancen, die einem das Leben bietet zu nutzen wissen. Später zünde ich mir vielleicht eine Zigarette an. Denn wenn man sich eine Zigarette anzündet, kommt immer der Bus. Egal wo, wann und wie, er kommt, auch wenn man nicht auf ihn wartet.

Flibbern oder flabbern Pfannkuchen von dannen?

Auf Twitter wurde eben von @Spreequell eine literarisch brisante Frage aufgeworfen. Flibbern Pfannkuchen oder flabbern sie? Wenn man dazu die alte finnische Literatur bemüht, dann tun sie beides. Frisch aus der Pfanne flibbern sie, vor allem wenn sie noch sehr fettig sind. Pfannkuchen flabbern hingegen, wenn sie trocken, ohne viel Fett angebraten werden. Dabei bevorzugen die Finnen von Alters her wohl flabbernde Pfannkuchen, wie ein traditionelles finnisches Küchengedicht aus dem Jahre 1532 zeigt.

“Flibbernd fließt der Pfannkuchen frisch von Pfannen

Flibber fort fettiger Pfuhl, fluchen vielstimmig die Finnen

Falbbernd freuen uns fertige Pfannkuchen”

(Pekka Raitalla, Turku, 1532)