Der Waran und die Blöckflöte

Damals schulte der kleine Bruder sein Musikergehör. Ein paar mal hatte er es in Radio gehört und schon konnte er „I am Sailing“ von Rod Steward auf der Blockflöte nachspielen. Es war zu der Zeit, als ich gerade den Komodo-Waran imitierte. Eine Tätigkeit, die höchste Konzentration erfordert, denn der Komodo-Waran bewegt sich langsam. Sehr langsam. Immer wieder perfektionierte ich den Gang meines Warans. Auf allen Vieren musste zuerst die linke Vorderklaue Millimeter für Millimeter gehoben und dann im gleichen Tempo die anderen Extremitäten hinterher gezogen werden. Am schwierigsten ist der lange Moment, wenn zwei Gliedmaßen gleichzeitig in der Luft hängen. Ich bin oft umgefallen, bis ich es auf den Rekord von zwei Stunden und vierunddreißig Minuten für einen Schritt brachte. Meine Eltern hatten wenig Verständnis für meine Passion. Vor allem wenn ich den Weg ins Badezimmer zum abendlichen Zähneputzen als Waran zurücklegte. Als Rod Steward im gemeinsamen Zimmer zum 2.500. Mal durch die Löcher der Blockflöte segelte, übte ich mit einer zusammengerollten Decke als Schwanz wieder einmal. Die linke Vorderklaue hatte gerade den Boden verlassen. Genügend Zeit über das Schicksal von Rod Steward und der Blockflöte nachzudenken. Zwei Stunden später als der Waran wieder mit allen vier Klauen auf der Erde stand, wusste ich, was zu tun war. Die Blockflöte sollte nicht einfach nur verschwinden. In mühevoller Kleinarbeit bastelte ich sie senkrecht auf ein Brett, befestigte ein Segel an ihr und setzte sie auf dem großen Strom aus. Zum Abschied sang ich leise „I´m Sailing“. Leicht, ganz so als wolle sie mir mit dem weißen Segel winken, pendelte die Blockflöte auf den Wellen hin und her dem Horizont entgegen. Nach zweiwöchigem Suchen bekam der kleine Bruder eine Gitarre geschenkt. Später gab ich dann auch den Waran auf.

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2 Gedanken zu “Der Waran und die Blöckflöte

  1. Das ist eine wunderbare Geschichte!
    So muss sich meine große Schwester damals gefühlt haben.
    (Leider kannten wir damals noch keine Warane, das war noch vor der Entdeckung Ozeaniens).
    Auch alles andere auf diesen Seiten ist die Lesezeit mehr als wert.

    1. Danke für die Blumen. Hoffe, bald wieder mehr Zeit für Geschichten zu finden. Übrigens hat sich der Einsatz damals gelohnt. Der Bruder bekam nicht nur eine akustische Gitarre, sondern gleich eine E-Gitarre mit. Unter der freundlich gemeinten Androhung, ihn in die Gitarrensaiten zu flechten und samt Verstärker aus dem Fenster zu hängen, konnte ich ihn auch davon abbringen, weiter „I´m Sailing“ zu üben. Heute verdient er sein Geld mit Musik.

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