Tante Trudis Damenbart

via http://suicideblonde.tumblr.com/post/11524209508Tante Trudi hatte einen Damenbart. Ich meine, einen richtigen Damenbart, nicht diesen weichen Flaum, der im seitlichen Gegenlicht ein wenig kokett leuchtet. Nein, nein, sie hatte einen  Damenbart, der diese Bezeichnung auch wirklich verdiente. Einmal wohnten sogar drei obdachlose Chinesen in ihrem Damenbart. Abends kamen sie heraus und spielten auf einem Kontrabass die Capri Fischer und Tante Trudi sang dazu. Sie mochte dieses Lied. Tante Trudi ging gerne Fischen. Wir flochten ihr dazu Köder in die weichen vorderen Barthaare. Mein Bruder ist dabei einmal fast verloren gegangen. Er war auf einem Barthaar zu weit hinaus gelaufen und hatte den Rückweg nicht mehr gefunden. Glücklicherweise fanden wir ihn abends vor Einbruch der Dunkelheit. Wer weiß, was sonst noch passiert wäre. In der Nacht traute sich niemand in Tante Trudis Damenbart. Selbst Onkel Egon nicht, der stark war wie ein Ochse und die Traktoren immer aus dem Acker ziehen musste, wenn sie sich mal wieder festgefahren hatten. Selbst der traute sich dann nicht in den Bart, denn in der Nacht drangen seltsame Stimmen aus dem Damenbart. Ein einziges Heulen, Pfeifen und Jaulen, das nur von hohen Schreien unterbrochen wurde. Wenn wir sie fragten, was denn da in ihrem Bart lebte, dann lächelte Tante Trudi immer ihr sehr breites Lächeln, bei dem man Angst haben  musste, dass aus ihrem verwitterten Gesicht große Gesteinsbrocken herabfielen. Eine Antwort bekamen wir aber nie darauf. Es gingen viele Theorien und Sagen in der Familie um, was da in Tante Trudis Damenbart lebte. Die Einen meinten, dass sei nur der Abendwind, der sich wie in einem alten zugigen Haus in den gewaltigen unteren Barthaaren verfing. Die anderen hingegen glaubten, dass Tante Trudi nichts anderes sei als die Arche, aus der nur ein Teil der Tiere wieder hervorgekommen sei. Der andere Teil lebte in Tante Trudis Damenbart weiter und die Evolution hätte dort eine ganz eigene Welt geschaffen. Dazu passte, dass Tante Trudi scheinbar unendlich alt war. Niemand konnte sich an den Tag erinnern, an dem sie geboren wurde. Alle Familienmitglieder wussten nur, dass sie schon immer dagewesen war. Sogar meine Großmutter, die annährend 100 Jahre alt wurde, erzählte wie ihre Mutter die Wiege in Tante Trudis Barthaar hing, wenn sie zur Arbeit musste. Es gibt sogar einige Berichte von der großen Überschwemmung 1874, während der Tante Trudi ein ganzes Dorf gerettet haben soll. Sie hat ihren Bart wie einen Damm um das Dorf gelegt und kein Tropfen Wasser drang hindurch. Am Ende soll sie sogar den ganzen Fluss aufgewischt und zurück in sein Bett gewrungen haben.  Niemand wusste wann sie geboren wurde, aber alle können wir uns an den Tag erinnern, an dem Tante Trudi verschwand. Ohne es abgesprochen zu haben, trafen wir uns alle auf dem großen Feld. Und da stand sie und winkte uns mit Tränen in den großen blauen Augen zu. Dann ging sie langsam in ihren Damenbart, der daraufhin in sich selber zu verschwinden schien, bis nichts mehr übrig war.

Foto via Suicideblonde

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