Onkel Kurt – Die große Tragik des Brummtadara

Onkel Kurt steht immer sehr früh auf. Um 5.30 Uhr geht der Wecker, da gibt es keine Ausnahmen. Nie. Ohne zu Zögern springt er dann aus dem Bett und marschiert in Filzpantoffeln gemessenen Schrittes ins Bad. Waschen mit kaltem Wasser. Danach kämmte er sich die Gedanken und bindet ihnen fein säuberlich eine Krawatte um. Damit sie nicht spazieren gehen.  Wenn Gedanken spazieren gehen, finden sie Wege, die er nicht kennt und stoßen wohlmöglich auf Lösungen, die er nicht mag. Deshalb, so findet er, brauchen Gedanken eine Krawatte und müssen ordentlich gekämmt sein. Sonst kann man sie nicht in die Weltgeschichte lassen. Onkel Kurt wählt CDU, selbstredend, und ist im Männergesangsverein, selbstsingend.

Er mag seinen Vorgarten. Sein Vorgarten ist wie seine Gedanken. Immer ordentlich gekämmt mit akkuratem Scheitel – die Seiten kurz. In seinem Vorgarten fühlt er sich wohl. „Da wo es ordentlich ist, kann nichts Unvorhergesehenes passieren und schon mal gar keine Frau“, sagt er immer. Frauen mag Kurt nicht. Das war früher anders. Früher war Kurt der KTM-Kutti. Da sauste er mit seiner KTM-3-Gang durch die Stadt. Immer im Sakko mit Wildlederflicken am Ellenbogen. Immer mit einer Kippe im Maul. „Das ist ´ne KTM mit Doppelvergaser“, war ebenso eine Standardantwort, wie „Lecker Bierchen trinken“, wenn man ihn fragte, wo er hin wolle. Kutti ging immer lecker Bierchen trinken. Meist mit Siggi und Horst zum Kippe Mäck. Eine schmierige Eckkneipe an einer Ausfallstraße. Die Drei waren das Rat-Pack vom Kippe.

Die Abende endeten meist immer gleich. War Kutti voll, stieg er auf einen Stuhl und sang Brummtadara. Vorher nicht. Da konnten die Leute betteln, so viel sie wollten. Erst wenn nur noch Singen ging, stand Kutti auf dem Stuhl. Kutti hatte einen samtweichen Tenor. Der Männergesangsverein war die einzige Verbindung, die Kurt von Kutti geblieben ist. Kutti schaffte nie mehr als eine Strophe „Brummtadara“, wenn er auf dem Stuhl stand: „Brummtadara, Brummtadara, Müschen mötten stinken, die hat äwwer ouch eїn, da kann Perd drout trinken“. Dann fiel er vom Stuhl und wurde von Siggi und Horst rausgetragen.

Waren lecker Mädchen in der Nähe, verzichtete Kutti schon mal auf seine lecker Bierchen. Für lecker Mädchen hatte Kutti nicht nur einen samtweichen Tenor, sondern auch einen ebenso samtweichen Charme wie samtweiche Augen. Tante Irmgard, eine lichte, großgewachsene Blondine, war sogar ein richtig lecker Mädchen in Kuttis Lecker-Mädchen-Bewertungs-Skala. Drüber gab es nix. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters und du in meinem“, Kuttis Standardanmache zog bei Tante Irmgard nicht nur nicht, sie zog überhaupt gar nicht. Sie hatte eine Lache groß und saftig wie ein Kottelet. Und sie lachte den Kutti lang und schmutzig aus. Kutti wollte sich aber nicht geschlagen geben und zog alle Register. Tante Irmgard lachte immer lauter und saftiger. Am Ende war Kutti nur noch ein verzweifeltes Häuflein Elend. Da nahm Tante Irmgard den Kutti in den Arm, bestellte ihm einen Wodka Feige, küsste ihn so leidenschaftlich, dass ihm Hören und Sehen verging und sagte: „ So Kurtchen und jetzt sing mir Brummtadra“. Und Kutti sang zum ersten Mal Brummtadara, ohne vom Stuhl zu fallen – alle Strophen. In den nächsten Wochen und Monaten fuhren sie gemeinsam KTM-3-Gang. Kutti vorne mit Wildlederflicken und Kippe und Tante Irmgard hinten mit saftiger Lache und wehendem blondem Haar. Die KTM fuhr sie direkt ins Standesamt.

Es war ihr großes Herz mit dem Tante Irmgard dem Kutti die Gedanken kämmte. Und Kutti gefiel es. Denn Tante Irmgard fuhr nur ganz sacht mit dem Herzen durch seine Gedanken. Schaffte ein wenig Ordnung in den Krausen und ließ hier und da die lustigen, vorwitzigen Gedankenlöckchen stehen. „Jung, ich bin glücklich wie ein Geburtstagsständchen“, sagte Kutti, aus dem längst Kurtchen geworden war. Immer häufiger blieb das Moped in der Garage. Statt lecker Bierchen trinken, malte Kurtchen mit Tante Irmgard ein Leben. Gemeinsam kuschelten sie sich tief in die kleine Dachkammer, die sie bewohnten und malten einen kühlen Bach an einem Sommertag. Von dem Bach führte ein staubiger Feldweg zu einem kleinen Fachwerkhaus in den Wupperbergen. Ihrem Fachwerkhäuschen in den Wupperbergen.

Das gemeinsame Haus war gerade gekauft, als Tante Irmgard starb. Krebs. Ihr blieben nur ein paar Wochen von der Diagnose bis zum Ende. Das hat Onkel Kurt aus der Bahn geworfen. Und in seinem Kummer hat er sich die Gedanken streng nach hinten frisiert. All die Löckchen, die Tante Irmgard so liebevoll gepflegt hat, hat er abrasiert. Zu allem Überfluss bekommen die Gedanken jetzt auch noch eine Krawatte umgebunden. Seit dem wählt er CDU und redet mit kaum jemandem. Die Leute glauben, er spricht nur noch mit den Blumen in seinem Vorgarten. Als Kind habe ich ihn belauscht. Ich weiß, dass er mit jemandem redet und manchmal mit traurigem, samtweichem Tenor „Brummtadara“ singt.

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2 Gedanken zu “Onkel Kurt – Die große Tragik des Brummtadara

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