Gedankentreiben: „Nein ist das nicht schön!“

„Nein, ist das nicht schön?!“, ist der wohl am häufigsten gesagte Satz in den touristischen Regionen dieser Erde. Eine Frage vom Grunde her, aber eigentlich mehr ein Befehl, dem die Landschaft und das Wetter Folge zu leisten hat. Widerspruch wird nicht geduldet. Es hat schön zu sein, koste es, was es wolle. Schließlich hat man Urlaub und dafür bezahlt. Die Frau im geblümten Sommerkleid neben mir hatte augenscheinlich auch Urlaub und bezahlt. „Nein, ist das nicht schön, Hebert!“, rief sie quer über die Terrasse des kleinen Cafés. Dabei wogte ihr beachtlicher Busen mit dem Busen der Natur um die Wette. Herbert kümmerte gerade weder der Busen der Natur noch der seiner Gattin. Herbert war mit einer Quiche beschäftigt. Schließlich erschließt man sich ein Land am besten über den Magen. „Hmpf, pfön“, war dementsprechend die einzige Antwort, die er hervorbrachte.  „Herbert, heute ist auch dieser wundervolle kleine Markt“, schrillte es wieder aus dem geblümten Kleid heraus. Die Antwort war mir einerlei. Ich verließ das kleine ehemals ruhige Café, das geblümte Kleid, den wogenden Busen und Herbert, um eben jenen wundervollen, kleinen Markt aufzusuchen.

Nach einem kurzen Weg durch enge französische Gassen, die von einem ebenso kalten wie historischen Wind durchweht wurden, kam ich am Markt an. „Nein, ist das nicht schön!“, dachte ich, ohne wirklich eine Antwort von mir zu erwarten. Denn es war wirklich recht schön, wie der Markt unter den Bäumen seine Glieder von sich streckte. Die Sonne machte von ihrer Bestimmung gebrauch und schien nur so. Dabei erzeugte sie ein hübsches Netz von Licht und Schatten auf allerlei Erzeugnisse, die die Bauern aus der Region in die kleine Stadt getragen hatten. Hier ein wenig bunte bäuerliche Keramik, dort riesige Berge von Paprika, Würsten, diversen Nüsschen und Kräutern. Alles hübsch drapiert, als wäre es direkt von Feld und Baum in den Markstand gefallen. Selbst die Wurst machte den Anschein als hätten sich Kuh und Schwein freiwillig selbst zerlegt und wären in eine Pelle gekrochen, um ansehnlich vom Dach eines Marktstandes herabzubaumeln. Gleich nebenan baumelte es auch. Grob gewebte, wollene Tücher in den Farben der Region. Dunkles Braun wie die Felder vor der Saat, helles grün und dunkles Rot wie die Trauben im Herbst, zartes Violett wie das Heidekraut im Frühjahr und strohgelb wie die Stoppelfelder im Spätsommer nach der Ernte. Nur die bäuerlichen Träger der grobgewebten Stoffe fehlten. Wahrscheinlich wären sie auch umgehend von einer der Kameras erlegt worden, die überall aus der funktionskleidungtragenden Masse herausragten, die sich zäh durch die Gänge des Marktes wälzte. Aber ich will nicht unken. Schließlich wälzte ich mit der Kamera im Anschlag mit.

„Herbert, schau doch mal die Radiiiiessschen! Nein, ist das nicht schön!“, der Busen wogte wieder neben mir. Die Strömung der Masse hatte mich neben ihn und sein bedeckendes Sommerkleid gespült. Herbert antwortete nicht. Er war gerade mit einer Tüte in Knoblauch eingelegter grüner Oliven beschäftigt, die er in Windeseile schnell hintereinander in den Mund stopfte. Seine Strategie schien es zu sein, alle Oliven gleichzeitig in den Mund zu nehmen, um die leere Tüte für die abgenagten Kerne nutzen zu können. Zumindest waren seine Backen schon dick und rund, als hätte er in jeder einen aufgeplusterten Spatz versteckt. Eine Antwort war unter diesen Voraussetzungen unmöglich. „Herbert jetzt guck doch mal!“, der Busen wogte nun nicht mehr angesichts der Schönheit von Landschaft, Markt und Radieschen wohlig, sondern pulste zornig bebend in Herberts Richtung. Herbert geriet in Stress. Er lief Rot an und seine Augen traten aus dem Kopf. Verzweifelt versuchte er den Mund geschlossen zu halten. Ich drehte mich rum und machte, dass ich weg kam. Gerade rechtzeitig. In meinem Rücken brach ein kleines Inferno aus. Prusten und Olivenmatsch folgte ein babylonisches Sprachgewirr – ein sehr, sehr wütendes babylonisches Sprachgewirr.

Selbst, wenn es keine wirkliche Geschichte gab und Herbert und sein angetrauter Busen im Blümchenkleid ziemlich unvermittelt auf- und abtauchen, an dieser Stelle verlasse ich nun den Markt und auch den Blogpost. Ich habe Urlaub, Worte und Gedanke treiben ohne Ziel vor sich hin. „Nein, ist das nicht schön!?“

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2 Gedanken zu “Gedankentreiben: „Nein ist das nicht schön!“

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