Der Gemüsebusen

Neulich schenkte mir Frau Kupferblau ihren Gemüsebusen. Nicht was Sie nun denken. Sie schenkte mir das Wort. Es passiert nicht alle Tage, dass man ein Wort geschenkt bekommt, weswegen ich den Gemüsebusen von Frau Kupferblau auch sorgsam in mein kleines, schwarzes Notizbuch legte. Dort lag er nun einige Zeit neben den Gemischtwarengedanken, den Traumtrümmern, dem Ruinenbaumeister, der Testosteronpädagogik und dem Trallafitti.

Zu meinem Leidwesen musste ich aber feststellen, dass der Gemüsebusen einen starken Charakter hat. Im Gegensatz zu den anderen Worten, die sich ein wenig träge in meinem Notizbuch eingerichtet haben – ich glaube sie spielen heimlich Karten, wenn ich nicht hinsehe – drängt es den Gemüsebusen hinaus in die Freiheit. Den ganzen Tag hängt er mir im Ohr und wispert. Deshalb schreibe ich ihn jetzt in die Welt hinaus. Sie müssen das verstehen, es ist nicht leicht, anderen Menschen seine Unaufmerksamkeit damit zu erklären, dass einem ein Gemüsebusen im Ohr hängt.

Trotz aller Recherche ließ sich allerdings kein Hinweis auf einen Gemüsebusen in der Literatur finden. Auch die Weltgeschichte gab dazu nichts her. Brüste werden in der Regel eher selten mit Gemüse verglichen. Schon ihrer äußeren Form nach sind sie mehr Obst als Gemüse. Da ist von Melonen, Apfelsinen, Granatäpfeln oder süßen Feigen die Rede. Einzig der Vergleich mit Erbsen lässt sich dem Gemüse zurechnen – ist aber nicht nett. Oliven sind hier sowohl geschmacklich wie auch als Metapher die besseren Erbsen. Aber haben Sie jemals von einem Busen blättrig wie ein Salatkopf gehört? Oder, von einer Brust aus der Erde geboren wie eine reife Kartoffel? Auch der Kohlrabi scheidet für Komplimente aus: „Deine Brust hat die Sinnlichkeit eines Kohlrabi“. Da wird anstelle der Schönheit wohl eher die Faust der Dame im Auge des Betrachters liegen. Gemüse ist männlich. Gemüse ist der Schwanzvergleich der Natur und Karotten, Gurken, Zucchini oder gar Spargel ihr phallischer Ausdruck. (Bei Vergleichen mit Blumenkohl empfiehlt sich der Besuch eines Hautarztes).

Von daher fiel mir bei Gemüsebusen als erstes eine alte Dame ein. Oma Rosali. Klein und gebeugt war sie. Das Leben hatte sie mit den Jahren zusammengestaucht und ihre Knochen knarzten wie große Äste, die der Wind aneinander reibt. Zwei ihrer fünf Kinder sind im Krieg geblieben. Die anderen drei musste sie alleine durchbringen. Der Mann geriet in russische Gefangenschaft und gehörte zu den letzten, die wieder nach Hause kamen. Als er plötzlich im Hof stand, schrie meine Mutter aus Angst vor dem Fremden, den sie noch nie gesehen hatte. Doch er blieb nicht lange. Krieg und Gefangenschaft hatten ihn krank gemacht.  Er starb jung und Oma Rosali trug den Rest ihres Lebens Schwarz, wenn sie das Haus verließ. Sie trug Schwarz und den Geruch von Kohl und Kraut. Jahrzehnte hatte ihre Haut im Dampf der heißen Kochtöpfe gebadet, hatte Rotkohl, Weißkohl, Wirsing und Sauerkraut eingeatmet, das sie mit Vorliebe kochte. Und wenn sie mich damals an ihren großen Busen drückte, dann atmete der große Busen Rotkohl, Weißkohl, Wirsing und Sauerkraut aus. Kein kölnisch Wasser der Welt konnte den Geruch ihres Gemüsebusens verdecken.

So, das Wispern des Gemüsebusens im Ohr ist nicht mehr zu hören. Scheinbar gefällt ihm die Stelle, an der ich ihn in die Freiheit gesetzt habe. Vielleicht finden sich irgendwann noch andere Gelegenheiten, an denen er auch leben kann.  Es könnte der Gemüsebusen der Natur werden oder ich lege ihn in eine Bucht gleich neben den Jadebusen. Man wird sehen wohin die Geschichten den Gemüsebusen noch treiben werden und welche Abenteuer er erlebt.

Foto via: Retrogasm

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