Onkel Heinz und die Perspektiven

Onkel Heinz saß auf der Dachrinne und machte „Tschilp“. Das war nur logisch. Onkel Heinz hielt sich gerade für einen Vogel. Dabei ging es ihm noch nicht einmal um das Vogelsein. Auch wenn er sein altes Vogelkostüm übergezogen hatte. Es ging ihm um die Vogelperspektive. Sein ganzes Leben hatte er damit zugebracht, nach Perspektiven zu suchen. Das schwarze Vogelkostüm mit rotem Kamm und Schnabel saß mittlerweile ein wenig spack. Das hing mit seiner letzten Perspektive zusammen. Zuletzt hatte er die Welt als Tropfen betrachtet. Für uns war es immer wieder faszinierend zu sehen, wie Onkel Heinz seine äußerliche Gestalt, an die gewählte Perspektive anpasste. Als er beschloss ein Tropfen zu werden, begannen sich seine Beine extrem zu verkürzen, in der Mitte um den Bauch herum schwoll er an und nach oben zum Kopf hin lief er dann wieder spitz zu. Eben wie ein Tropfen, der soeben von einem Wasserhahn heruntertropft. Wahrscheinlich konnte niemand, noch nicht einmal Oma Gustel, sagen, wie Onkel Heinz wirklich aussah. Zu oft wechselte er im Laufe seines Lebens die Form und wahrscheinlich wurde er schon als Perspektivwechsler geboren. Anders lässt es sich zumindest nicht erklären, wie er damals den Unfall überlebt hat. Aber vielleicht wurde er auch durch den Unfall zum Perspektivwechsler, man weiß es nicht.

Wie so viele Solinger Schleifer arbeitete Opa Paul für einen der großen Messerhersteller. Einmal die Woche verließ er seinen kleinen Schleiferkotten im Ittertal und zog hoch zur großen Messerfabrik auf dem Berg. Die fertig geschliffenen und gepließteten Messer abliefern und neue Rohlinge zum Schleifen abholen. Häufig nahm er auch eines seiner Kinder mit. Mit einem Arm zog er dann den alten Bollerwagen, mit dem schon sein Vater die Messer aus der Fabrik geholt hatte, mit dem anderen warf er das Kind hoch in die Luft und fing es wieder auf. Ein Heidenspaß für die Kinder, die den ganzen Weg jauchzten und jubelten. Wie Onkel Heinz dann in der Messerfabrik unter den großen Schmiedehammer geraten war, konnte später keiner mehr genau sagen. Alle Beteiligten erinnerten sich nur mit großem Entsetzen daran, dass plötzlich das Kind auf dem Ambos saß. In diesem Moment schien die Zeit in der gesamten Messerfabrik die Luft anzuhalten. Alle erstarrten, keiner war auch nur zu einer Regung fähig. Nur der große Fallhammer, zwei Tonnen schwer, sauste unaufhaltsam hinunter. Dreimal rummste er auf Onkel Heinz und jedesmal erzitterte der Boden, bevor einer der Arbeiter es schaffte, das Getriebe für das Monstergerät zu entkuppeln. Von Onkel Heinz war nichts mehr zu sehen. Opa Paul sagte später: „Der Hammer hat den platt gekloppt wie eine Flunder“. Und tatsächlich lag auf dem Ambos ein plattes, flunderähnliches Etwas, kaum zwei Zentimeter hoch mit Augen. Doch zur Überraschung aller war es nicht so tot, wie sie es befürchtet hatten. Der platte Onkel Heinz gluckste und kicherte als hätte man ihn mit einer Feder gestreichelt. Seine neue Form bereitete ihm sichtlich Vergnügen.

Da nun nicht wirklich etwas passiert war, nahm Opa Paul seinen Sohn und zog mit dem Bollerwagen wieder Richtung Kotten. Dabei warf er ihn immer schräg gegen den Wind hoch und fing den hinuntersegelnden Scheibenheinz wieder auf. Das machte Spaß. Einen kurzen Moment dachte Opa Paul daran, eine flache tellerartige Scheibe als Kinderspielzeug zu entwickeln. Man könnte sie auf einer Wiese oder einer anderen freien Fläche hin und her segeln lassen. Aber er verwarf diese Idee schnell wieder. Wer sollte schon Zeit haben, so etwas Unnützes zu spielen? Der Mensch hat arbeitsam zu sein. Für segelnde Plastikscheiben war in seiner Welt kein Platz.

Da Onkel Heinz anfangs überall im Weg lag, beschloss die Familie kurzerhand, Onkel Heinz in die Sommerfrische zu Tante Trudi zu schicken. Praktisch wie man verlangt war, klebte man einfach eine Briefmarke auf Heinz und verschickte ihn per Post. In den Wochen nach seiner Rückkehr entspannte sich die Figur von Onkel Heinz dann zusehends. Alle paar Tage gab es einen lauten Plopp und ein anderes Körperteil floppte aus dem flachen Heinz heraus. Den Anfang machten die Beine. Es sah recht merkwürdig aus, wie die Scheibe auf zwei Beinen durch Kotten und Haus lief, aber es hatte auch seine Vorteile, fand die Familie. So diente er Oma Gustel zur Kaffeezeit als Tablett, Tante Lieschen nutze ihn zum Aufwickeln loser Wolle und seine Geschwister surftem auf ihm über die Welle vor dem alten Wehr, an dem das Wasser für das Rad des Kottens gestaut wurde. Onkel Heinz machte das alles nichts aus. Er hatte Spaß.

Von daher erstaunte es auch jetzt niemanden, dass Onkel Heinz in seinem spacken Vogelkostüm auf der Dachrinne saß und tschilpte. Im Gegenteil. Die Menschen verziehen ihm sogar, wenn er als Mofa in den frühen Morgenstunden durch den Ort röhrte. Während der 30tägigen Regenfälle 1952 hatte Onkel Heinz nämlich die Perspektive eines Regenrückhaltebeckens eingenommen und das ganze Tal vor der Überschwemmung gerettet. Seit dem sahen sie ihm fast alles nach.

Foto via: Ding Dong

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