Anton – Eine Lebensgeschichte

Schon wegen der Atmosphäre würde ich gerne schreiben, dass ich Anton in einer Kneipe traf. Aber das wäre falsch. Anton geht in keine Kneipe. Dafür fehlt ihm das Geld. Anton lebt von Hartz IV. Schulden habe er nie gemacht, sagt er. Darauf ist er Stolz.

Nun sitzt er mir also nicht in einer Kneipe, sondern in einem schmucklosen Büro gegenüber. Leicht vornübergebeugt, den Blick gesenkt, die Hände im Schoß einer braunen Arbeitscordhose gefaltet. Die Hose flattert ihm wie eine Wetterfahne viel zu weit um die dünnen Beinchen. Es ist seine einzige Hose. Er hält sie penibel sauber. Genau wie seine frisch gewichsten schwarzen Arbeitsschuhe. Die Schuhe gehören ihm nicht, deshalb gibt er auf sie besonders Acht. Er hat sie von einem Kollegen geliehen. „Wenn der wieder Arbeit findet, muss ich sie ihm zurückgeben“, gesteht er gleichmütig. In Antons Nähe riecht es nach gekochtem Kohl und einer engen, schlecht gelüfteten Wohnung. Armut in Deutschland riecht nach Kohl, den gibt es billig.

Anton war nicht immer vornübergebeugt. 60 Jahre Leben haben ihn gebeugt. Damals als sein Haar noch nicht so schüttern war wie ein winterlicher Wald mit blattlosen Ästen, hat er mal ein Lehre als Bauzeichner angefangen. Doch die hat er schnell geschmissen. Als Beifahrer auf einem LKW konnte er mehr Geld verdienen. Damals war er wer, der Anton. Damals ist er in der Welt herumgekommen. Sogar bis nach Spanien ist er gefahren. Da ging er noch aufrecht. Wer ist in den 60ern schon bis nach Spanien gekommen?

Dann Mitte der 70er fingen die dürren Jahre an. Die Fernfahrten blieben aus und mit ihnen die Abenteuer. Da hat Anton halt Entrümpelungen gemacht. Er war sich für nichts zu schade, arbeiten konnte er und Entrümplung war eine ehrliche Arbeit, so ehrlich wie seine Haut. Aber in diesen Jahren begann sich sein Rücken schon ein wenig zu beugen. Ob wegen der schweren Arbeit, oder weil er ein bisschen weniger wer war, kann er nicht sagen. Gut zehn Jahre später, in den 80ern, war es dann auch mit den Entrümplungen vorbei. Seiner Mutter zu liebe, hörte er auf. Gehirntumor.

Für Anton war es keine Frage, dass er seine Mutter pflegte. „Mehr als sechs Monate hat sie nicht mehr“, hat ihm der Arzt über die Schulter hinweg gesagt, während er sich die Hände wusch. Anton hatte zu dieser Zeit schon ein beige verlebtes Gesicht wie ein alte Zeitung, der Arzt einen strahlend weißen Kittel. „Er hätte mich wenigstens angucken können“, sagt Anton, „nicht wegen mir, sondern wegen meiner Mutter“. Der Arzt drehte sich auch nicht um, als Anton das Zimmer verlies.

24 Stunden am Tag pflegte er seine Mutter, sieben Tage die Woche. Aus den sechs Monaten wurde ein Jahr und aus einem Jahr zehn. Die alte Frau war zäh. „Wenn man einmal damit angefangen hat, dann hört man das doch nicht mehr auf“, Anton war nicht einmal der Gedanke daran gekommen, seine Mutter in ein Heim zu geben. Damals ging Anton zum ersten Mal zum Amt, wie er es nennt.

„Selbstverständlich habe ich gearbeitet. So viel, wie es der Zustand meiner Mutter eben zugelassen hat“, weitere Nachfragen verbieten sich ob seiner ehrlichen Entrüstung. Die spärliche Rente der Mutter, seine Stütze und ein 400 Euro Job reichten so gerade eben zum Leben. Als die Mutter starb, wurde es nicht besser. Mittlerweile war Anton jenseits der 50 und in seinem Lebenslauf stand LKW-Beifahrer und Entrümpler – mehr nicht. Mehr kam bis heute auch nicht hinzu und wahrscheinlich wird es auch dabei bleiben. Eine ehrliche Haut lässt sich nur schwer zu Markte tragen, vor allem wenn ein schwarzes zehnjähriges Loch in ihrem Lebenslauf klafft.

Ob er nicht schrecklich verbittert sei, frage ich ihn. „Früher war ich mal verbittert. Aber ich habe ja nichts Falsches getan. Ich lebe mein Leben, so wie es ist. Ich habe ja nur das eine“, lächelt Anton. Dann geht er, so wie er gekommen ist, vornübergebeugt mit blitzblanken schwarzen Arbeitsschuhen und einer Hose, die ihm um die dünnen Beine flattert.

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