Margot will tanzen

Quelle: TheCosbinator

Tatsächlich suchen wir doch immer die Lücken in dieser Welt, um sie mit unserer Vorstellungskraft auszufüllen. Selbst in die feinsten Haarrisse gießen wir die Idee hinein, wie wir das, was wir nicht wissen, gerne hätten. So sitzt jeder von uns in seinem eigenen bisschen Welt – diesem bunten Patchwork aus dem was ist, wenn denn was ist, und dem, was er sich vorstellt. Eigentlich ist es so wie mit Frau Schmidt, der Frau von Gegenüber.

„Guten Morgen Frau Schmidt“

Guten Morgen Herr Amaot“

„Wollen sie mich heiraten?“

„Heute nicht, heute ist es mir ein bisschen lästig“

„Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag, Frau Schmidt“

„Ich ihnen auch, Herr Amaot. Und fragen sie doch beizeiten noch einmal nach, vielleicht passt es da besser“

Mehr sprachen wir selten bei unseren Treffen im Hausflur. Dabei hatte Frau Schmidt ein sehr aufgeräumtes Gesicht und war von einer recht ordentlichen Schönheit. Ich ging immer davon aus, dass sie ihre Topfpflanzen pünktlich gießen würde.

Doch dann traf ich sie eines Nachts in einer Eckkneipe. Frau Schmidt war sehr betrunken. Sie saß apathisch auf dem Fuß eines großen dicken Mannes, umklammerte sein Bein und ritt  wie ein Kind darauf durch den Raum. Der große, dicke Mann wankte mit Frau Schmidt am Bein auf die Theke zu. Dort angekommen, riss er sich das T-Shirt hoch und ließ seinen gewaltigen Bauch herausfallen. Doch damit nicht genug. Von der Gürtelschnalle bis zum Brustbein prangte ein großflächiges Tattoo der nackten Frau Schmidt. Breitbeinig, mit in die Hüften gestemmten Händen, stand sie leicht vorgebeugt da. Keine Frage, das Bild war gut getroffen, sogar das kleine Muttermal an ihrem Hals war zu sehen.

Gerade erwischte ich mich beim Betrachten der wohlgeformten Brüste, als der Mann seine riesige Wampe wie einen Pudding auf den Tresen hievte und den Wirt anschrie. „Leg Makarena auf, Margot will tanzen“. Und kaum setzte die Musik ein, begann er seinen Bauch derart zu schütteln, dass Frau Schmidt nackt im Takt über die Theke wippte. Unterdessen saß die echte Frau Schmidt immer noch auf dem Fuß des Mannes und versucht sich umständlich eine Zigarette anzuzünden – was ihr im Anbetracht ihres Zustandes nicht recht gelingen wollte.

Frau Schmidt hatte mich noch nicht entdeckt und ich beließ es auch dabei. Schon im Herausgehen begann ich, die Risse, die mein Bild von Frau Schmidt bekommen hatte, mit neuen Vorstellungen zu verfugen. Ich ging nicht mehr davon aus, dass sie ihre Topfpflanzen pünktlich gießen würde.

„Guten Morgen Frau Schmidt“

„Guten Morgen Herr Amaot“

„Ich kann sie leider nicht mehr heiraten“

„Das ist schade, heute hätte es mir gepasst“

„Vielleicht ein andermal, Frau Schmidt. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag!“

„Ja, vielleicht ein andermal! Ich wünsche ihnen auch einen schönen Tag, Herr Amaot!“

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