Violetta

Violetta hatte eine kleine Finka in den Bergen oberhalb Managuas. Es war am Ende der Regenzeit. Das Wasser der meist kurzen aber heftigen Regenfälle hatte der Natur Kraft gegeben und die sanften Hügel rundherum in ein sattes Grün getaucht. In ein paar Wochen würde die Sonne wieder so stark sein, dass nur noch braune Halme auf den Feldern und Wiesen stehen blieben. Wir saßen auf der Terasse und sahen zu, wie der hereindämmernde Abend die Lichter der Stadt nach und nach anknipste. Wenn ich Violetta traf, dann war ich früher oder später stoned. Violetta kiffte. Immer. In den Tagen der Revolution war sie in Gefangenschaft geraten. Von Folter war die Rede. Genaues wusste ich nicht. Wollte ich auch nicht wissen. Manchmal muss man keine Details kennen, um das Grauen zu ermessen. Ich konnte es in ihren Augen lesen – auch wenn sie lachten. „Wenn ich rauche, dann kann ich vergessen. Mein Arzt sagt, es ist O.K.“, Violetta nahm einen tiefen Zug, reichte mir den Joint und lehnte sich zurück. Ihr Haar, so schwarz und dicht wie ihr rauchiges Lachen, fiel über die Seiten der Hängematte und verlor sich im Halbdunkel des Kerzenscheins. In dieser Nacht war kein Platz für das Grauen. In dieser Nacht teilten wir Rum und Geschichten mit dem Vollmond. Aus dem Lautsprecher des alten Kassettenrecorders erklang die glasklare Stimme von Mercedes Sosa: „Gracias a la vida, que me ha dado tanto…“ (Danke an das Leben, das mir so viel gegeben… Text /Übersetzung)

Onkel Heinz und die Perspektiven

Onkel Heinz saß auf der Dachrinne und machte „Tschilp“. Das war nur logisch. Onkel Heinz hielt sich gerade für einen Vogel. Dabei ging es ihm noch nicht einmal um das Vogelsein. Auch wenn er sein altes Vogelkostüm übergezogen hatte. Es ging ihm um die Vogelperspektive. Sein ganzes Leben hatte er damit zugebracht, nach Perspektiven zu suchen. Das schwarze Vogelkostüm mit rotem Kamm und Schnabel saß mittlerweile ein wenig spack. Das hing mit seiner letzten Perspektive zusammen. Zuletzt hatte er die Welt als Tropfen betrachtet. Für uns war es immer wieder faszinierend zu sehen, wie Onkel Heinz seine äußerliche Gestalt, an die gewählte Perspektive anpasste. Als er beschloss ein Tropfen zu werden, begannen sich seine Beine extrem zu verkürzen, in der Mitte um den Bauch herum schwoll er an und nach oben zum Kopf hin lief er dann wieder spitz zu. Eben wie ein Tropfen, der soeben von einem Wasserhahn heruntertropft. Wahrscheinlich konnte niemand, noch nicht einmal Oma Gustel, sagen, wie Onkel Heinz wirklich aussah. Zu oft wechselte er im Laufe seines Lebens die Form und wahrscheinlich wurde er schon als Perspektivwechsler geboren. Anders lässt es sich zumindest nicht erklären, wie er damals den Unfall überlebt hat. Aber vielleicht wurde er auch durch den Unfall zum Perspektivwechsler, man weiß es nicht.

Wie so viele Solinger Schleifer arbeitete Opa Paul für einen der großen Messerhersteller. Einmal die Woche verließ er seinen kleinen Schleiferkotten im Ittertal und zog hoch zur großen Messerfabrik auf dem Berg. Die fertig geschliffenen und gepließteten Messer abliefern und neue Rohlinge zum Schleifen abholen. Häufig nahm er auch eines seiner Kinder mit. Mit einem Arm zog er dann den alten Bollerwagen, mit dem schon sein Vater die Messer aus der Fabrik geholt hatte, mit dem anderen warf er das Kind hoch in die Luft und fing es wieder auf. Ein Heidenspaß für die Kinder, die den ganzen Weg jauchzten und jubelten. Wie Onkel Heinz dann in der Messerfabrik unter den großen Schmiedehammer geraten war, konnte später keiner mehr genau sagen. Alle Beteiligten erinnerten sich nur mit großem Entsetzen daran, dass plötzlich das Kind auf dem Ambos saß. In diesem Moment schien die Zeit in der gesamten Messerfabrik die Luft anzuhalten. Alle erstarrten, keiner war auch nur zu einer Regung fähig. Nur der große Fallhammer, zwei Tonnen schwer, sauste unaufhaltsam hinunter. Dreimal rummste er auf Onkel Heinz und jedesmal erzitterte der Boden, bevor einer der Arbeiter es schaffte, das Getriebe für das Monstergerät zu entkuppeln. Von Onkel Heinz war nichts mehr zu sehen. Opa Paul sagte später: „Der Hammer hat den platt gekloppt wie eine Flunder“. Und tatsächlich lag auf dem Ambos ein plattes, flunderähnliches Etwas, kaum zwei Zentimeter hoch mit Augen. Doch zur Überraschung aller war es nicht so tot, wie sie es befürchtet hatten. Der platte Onkel Heinz gluckste und kicherte als hätte man ihn mit einer Feder gestreichelt. Seine neue Form bereitete ihm sichtlich Vergnügen.

Da nun nicht wirklich etwas passiert war, nahm Opa Paul seinen Sohn und zog mit dem Bollerwagen wieder Richtung Kotten. Dabei warf er ihn immer schräg gegen den Wind hoch und fing den hinuntersegelnden Scheibenheinz wieder auf. Das machte Spaß. Einen kurzen Moment dachte Opa Paul daran, eine flache tellerartige Scheibe als Kinderspielzeug zu entwickeln. Man könnte sie auf einer Wiese oder einer anderen freien Fläche hin und her segeln lassen. Aber er verwarf diese Idee schnell wieder. Wer sollte schon Zeit haben, so etwas Unnützes zu spielen? Der Mensch hat arbeitsam zu sein. Für segelnde Plastikscheiben war in seiner Welt kein Platz.

Da Onkel Heinz anfangs überall im Weg lag, beschloss die Familie kurzerhand, Onkel Heinz in die Sommerfrische zu Tante Trudi zu schicken. Praktisch wie man verlangt war, klebte man einfach eine Briefmarke auf Heinz und verschickte ihn per Post. In den Wochen nach seiner Rückkehr entspannte sich die Figur von Onkel Heinz dann zusehends. Alle paar Tage gab es einen lauten Plopp und ein anderes Körperteil floppte aus dem flachen Heinz heraus. Den Anfang machten die Beine. Es sah recht merkwürdig aus, wie die Scheibe auf zwei Beinen durch Kotten und Haus lief, aber es hatte auch seine Vorteile, fand die Familie. So diente er Oma Gustel zur Kaffeezeit als Tablett, Tante Lieschen nutze ihn zum Aufwickeln loser Wolle und seine Geschwister surftem auf ihm über die Welle vor dem alten Wehr, an dem das Wasser für das Rad des Kottens gestaut wurde. Onkel Heinz machte das alles nichts aus. Er hatte Spaß.

Von daher erstaunte es auch jetzt niemanden, dass Onkel Heinz in seinem spacken Vogelkostüm auf der Dachrinne saß und tschilpte. Im Gegenteil. Die Menschen verziehen ihm sogar, wenn er als Mofa in den frühen Morgenstunden durch den Ort röhrte. Während der 30tägigen Regenfälle 1952 hatte Onkel Heinz nämlich die Perspektive eines Regenrückhaltebeckens eingenommen und das ganze Tal vor der Überschwemmung gerettet. Seit dem sahen sie ihm fast alles nach.

Foto via: Ding Dong

Der Gemüsebusen

Neulich schenkte mir Frau Kupferblau ihren Gemüsebusen. Nicht was Sie nun denken. Sie schenkte mir das Wort. Es passiert nicht alle Tage, dass man ein Wort geschenkt bekommt, weswegen ich den Gemüsebusen von Frau Kupferblau auch sorgsam in mein kleines, schwarzes Notizbuch legte. Dort lag er nun einige Zeit neben den Gemischtwarengedanken, den Traumtrümmern, dem Ruinenbaumeister, der Testosteronpädagogik und dem Trallafitti.

Zu meinem Leidwesen musste ich aber feststellen, dass der Gemüsebusen einen starken Charakter hat. Im Gegensatz zu den anderen Worten, die sich ein wenig träge in meinem Notizbuch eingerichtet haben – ich glaube sie spielen heimlich Karten, wenn ich nicht hinsehe – drängt es den Gemüsebusen hinaus in die Freiheit. Den ganzen Tag hängt er mir im Ohr und wispert. Deshalb schreibe ich ihn jetzt in die Welt hinaus. Sie müssen das verstehen, es ist nicht leicht, anderen Menschen seine Unaufmerksamkeit damit zu erklären, dass einem ein Gemüsebusen im Ohr hängt.

Trotz aller Recherche ließ sich allerdings kein Hinweis auf einen Gemüsebusen in der Literatur finden. Auch die Weltgeschichte gab dazu nichts her. Brüste werden in der Regel eher selten mit Gemüse verglichen. Schon ihrer äußeren Form nach sind sie mehr Obst als Gemüse. Da ist von Melonen, Apfelsinen, Granatäpfeln oder süßen Feigen die Rede. Einzig der Vergleich mit Erbsen lässt sich dem Gemüse zurechnen – ist aber nicht nett. Oliven sind hier sowohl geschmacklich wie auch als Metapher die besseren Erbsen. Aber haben Sie jemals von einem Busen blättrig wie ein Salatkopf gehört? Oder, von einer Brust aus der Erde geboren wie eine reife Kartoffel? Auch der Kohlrabi scheidet für Komplimente aus: „Deine Brust hat die Sinnlichkeit eines Kohlrabi“. Da wird anstelle der Schönheit wohl eher die Faust der Dame im Auge des Betrachters liegen. Gemüse ist männlich. Gemüse ist der Schwanzvergleich der Natur und Karotten, Gurken, Zucchini oder gar Spargel ihr phallischer Ausdruck. (Bei Vergleichen mit Blumenkohl empfiehlt sich der Besuch eines Hautarztes).

Von daher fiel mir bei Gemüsebusen als erstes eine alte Dame ein. Oma Rosali. Klein und gebeugt war sie. Das Leben hatte sie mit den Jahren zusammengestaucht und ihre Knochen knarzten wie große Äste, die der Wind aneinander reibt. Zwei ihrer fünf Kinder sind im Krieg geblieben. Die anderen drei musste sie alleine durchbringen. Der Mann geriet in russische Gefangenschaft und gehörte zu den letzten, die wieder nach Hause kamen. Als er plötzlich im Hof stand, schrie meine Mutter aus Angst vor dem Fremden, den sie noch nie gesehen hatte. Doch er blieb nicht lange. Krieg und Gefangenschaft hatten ihn krank gemacht.  Er starb jung und Oma Rosali trug den Rest ihres Lebens Schwarz, wenn sie das Haus verließ. Sie trug Schwarz und den Geruch von Kohl und Kraut. Jahrzehnte hatte ihre Haut im Dampf der heißen Kochtöpfe gebadet, hatte Rotkohl, Weißkohl, Wirsing und Sauerkraut eingeatmet, das sie mit Vorliebe kochte. Und wenn sie mich damals an ihren großen Busen drückte, dann atmete der große Busen Rotkohl, Weißkohl, Wirsing und Sauerkraut aus. Kein kölnisch Wasser der Welt konnte den Geruch ihres Gemüsebusens verdecken.

So, das Wispern des Gemüsebusens im Ohr ist nicht mehr zu hören. Scheinbar gefällt ihm die Stelle, an der ich ihn in die Freiheit gesetzt habe. Vielleicht finden sich irgendwann noch andere Gelegenheiten, an denen er auch leben kann.  Es könnte der Gemüsebusen der Natur werden oder ich lege ihn in eine Bucht gleich neben den Jadebusen. Man wird sehen wohin die Geschichten den Gemüsebusen noch treiben werden und welche Abenteuer er erlebt.

Foto via: Retrogasm

Gedankentreiben: „Nein ist das nicht schön!“

„Nein, ist das nicht schön?!“, ist der wohl am häufigsten gesagte Satz in den touristischen Regionen dieser Erde. Eine Frage vom Grunde her, aber eigentlich mehr ein Befehl, dem die Landschaft und das Wetter Folge zu leisten hat. Widerspruch wird nicht geduldet. Es hat schön zu sein, koste es, was es wolle. Schließlich hat man Urlaub und dafür bezahlt. Die Frau im geblümten Sommerkleid neben mir hatte augenscheinlich auch Urlaub und bezahlt. „Nein, ist das nicht schön, Hebert!“, rief sie quer über die Terrasse des kleinen Cafés. Dabei wogte ihr beachtlicher Busen mit dem Busen der Natur um die Wette. Herbert kümmerte gerade weder der Busen der Natur noch der seiner Gattin. Herbert war mit einer Quiche beschäftigt. Schließlich erschließt man sich ein Land am besten über den Magen. „Hmpf, pfön“, war dementsprechend die einzige Antwort, die er hervorbrachte.  „Herbert, heute ist auch dieser wundervolle kleine Markt“, schrillte es wieder aus dem geblümten Kleid heraus. Die Antwort war mir einerlei. Ich verließ das kleine ehemals ruhige Café, das geblümte Kleid, den wogenden Busen und Herbert, um eben jenen wundervollen, kleinen Markt aufzusuchen.

Nach einem kurzen Weg durch enge französische Gassen, die von einem ebenso kalten wie historischen Wind durchweht wurden, kam ich am Markt an. „Nein, ist das nicht schön!“, dachte ich, ohne wirklich eine Antwort von mir zu erwarten. Denn es war wirklich recht schön, wie der Markt unter den Bäumen seine Glieder von sich streckte. Die Sonne machte von ihrer Bestimmung gebrauch und schien nur so. Dabei erzeugte sie ein hübsches Netz von Licht und Schatten auf allerlei Erzeugnisse, die die Bauern aus der Region in die kleine Stadt getragen hatten. Hier ein wenig bunte bäuerliche Keramik, dort riesige Berge von Paprika, Würsten, diversen Nüsschen und Kräutern. Alles hübsch drapiert, als wäre es direkt von Feld und Baum in den Markstand gefallen. Selbst die Wurst machte den Anschein als hätten sich Kuh und Schwein freiwillig selbst zerlegt und wären in eine Pelle gekrochen, um ansehnlich vom Dach eines Marktstandes herabzubaumeln. Gleich nebenan baumelte es auch. Grob gewebte, wollene Tücher in den Farben der Region. Dunkles Braun wie die Felder vor der Saat, helles grün und dunkles Rot wie die Trauben im Herbst, zartes Violett wie das Heidekraut im Frühjahr und strohgelb wie die Stoppelfelder im Spätsommer nach der Ernte. Nur die bäuerlichen Träger der grobgewebten Stoffe fehlten. Wahrscheinlich wären sie auch umgehend von einer der Kameras erlegt worden, die überall aus der funktionskleidungtragenden Masse herausragten, die sich zäh durch die Gänge des Marktes wälzte. Aber ich will nicht unken. Schließlich wälzte ich mit der Kamera im Anschlag mit.

„Herbert, schau doch mal die Radiiiiessschen! Nein, ist das nicht schön!“, der Busen wogte wieder neben mir. Die Strömung der Masse hatte mich neben ihn und sein bedeckendes Sommerkleid gespült. Herbert antwortete nicht. Er war gerade mit einer Tüte in Knoblauch eingelegter grüner Oliven beschäftigt, die er in Windeseile schnell hintereinander in den Mund stopfte. Seine Strategie schien es zu sein, alle Oliven gleichzeitig in den Mund zu nehmen, um die leere Tüte für die abgenagten Kerne nutzen zu können. Zumindest waren seine Backen schon dick und rund, als hätte er in jeder einen aufgeplusterten Spatz versteckt. Eine Antwort war unter diesen Voraussetzungen unmöglich. „Herbert jetzt guck doch mal!“, der Busen wogte nun nicht mehr angesichts der Schönheit von Landschaft, Markt und Radieschen wohlig, sondern pulste zornig bebend in Herberts Richtung. Herbert geriet in Stress. Er lief Rot an und seine Augen traten aus dem Kopf. Verzweifelt versuchte er den Mund geschlossen zu halten. Ich drehte mich rum und machte, dass ich weg kam. Gerade rechtzeitig. In meinem Rücken brach ein kleines Inferno aus. Prusten und Olivenmatsch folgte ein babylonisches Sprachgewirr – ein sehr, sehr wütendes babylonisches Sprachgewirr.

Selbst, wenn es keine wirkliche Geschichte gab und Herbert und sein angetrauter Busen im Blümchenkleid ziemlich unvermittelt auf- und abtauchen, an dieser Stelle verlasse ich nun den Markt und auch den Blogpost. Ich habe Urlaub, Worte und Gedanke treiben ohne Ziel vor sich hin. „Nein, ist das nicht schön!?“

Oma und Hans Albers

Hans Albers, das war der Goerge Clooney von meiner Oma. Wenn der blonde Hans sang, dann seufzte sie sogar noch auf ihre alten Tagen: „Hach, der Hans mit seinen blauen Augen“. Und wenn er dann noch bei Hans-Joachim Kuhlenkampf in der Sendung auftrat, dann war alles zu spät. Ihre beiden Idole auf einmal, da zerfloss die alte Dame butterweich in die Ritzen ihres Ohrensessels…..

A154 – Das Rhinozeros in der Meldehalle

Rührseliges Rohrzucker-Rhinozeros. Rasendes Raddrenn-Rhinozeros. Ramponiertes Rempel-Rhinozeros. Alliterarisches Rhinozerossen war damals mein Hobby. Echter Kraftwortsport. Ich saß in der unendlichen Öde einer Meldehalle und war exakt die Nummer A154. Man kennt das, kaum betritt man eine Meldehalle, schon ist man mitsamt seinem ganzen Leben zu einer Nummer degradiert. In Anbetracht der Umstände war mir die Nummer A154 allerdings gerade Recht. A154 ist eine annehmbare Nummer. Schon das A ist schön. A wie Andalusien, Astronaut oder auch Ackerwinde. 154 ist auch O.K. Das ist eine gerade Zahl. Zwar nicht so schön wie 152, die ist näher dran, aber immerhin besser als 153, ungerade, unschön. Und selbst mit der A154 ist man irgendwann Erster, wenn das Amt die A153 verbraucht hat. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg, auf dem mir dann tatsächlich ein Rhinozeros begegnete.

Wie es in den Flur der Meldehalle kam, war nicht so ganz klar. Im ersten Moment war ich hocherfreut. Denn, wenn nicht ein Rhinozeros höchstselbst, wer dann könnte mir neue alliterarische Rhinozeros-Kraftwortsport-Impulse geben? Leider war es ein sehr trauriges Rhinozeros. Immerzu musste es weinen. Doch überall da, wo seine Tränen hinfielen, wuchsen Blumen. Wunderschöne Blumen mit roten, gelben und blauen Blüten. Und weil das Rhinozeros immerzu weinen musste, war schon fast die ganze Meldehalle voll mit Blumen.

Wie ich erfuhr, war das Rhinozeros  in der Meldehalle, weil ein Schutzmann ihm einen Strafzettel verpasst hatte. Man dürfe keinen Panzer ohne ein Nummernschild auf der Straße bewegen, hatte der Schutzmann gesagt. Wo käme man denn da hin, wenn selbst die Bundeswehr Nummernschilder an ihren Panzern habe und ein dahergelaufenes Rhinozeros nicht. Es solle sofort aufs Amt sich ein Nummernschild besorgen oder aus seinem Panzer aussteigen, hatte der Schutzmann es streng angeherrscht. Dann hatte er dem Rhinozeros auch noch seinen roten Gummiball abgenommen. Deshalb musst es ständig weinen. Das Rhinozeros hatte ein schlichtes Gemüt und wollte doch nur mit seinem Gummiball spielen. Ein weinendes Rhinozeros ist ein deprimierender Anblick.

Auf jeden Fall kam später ein holländischer Blumenhändler zufällig in Meldehalle. Ich glaube, er hatte die Nummer A183. Bin mir aber nicht mehr sicher. Nur, dass es irgendeine ungerade Zahl war, weiß ich noch. Das zeigte schon seinen liederlichen Charakter. Zumal er weiße Socken zum fliederfarbenen Ohrfeigengesicht trug. Er war sofort hin und weg von der Blumenpracht und fing an, das Rhinozeros zu umgarn. Machte sich beliebt. Tat so als wäre er der beste Freund des Rhinozeros, dabei war er gar nicht an dem Rhinozeos und seiner traurigen Geschichte interessiert. Er wollte nur seine Blumen. Als er dann das Geheimnis des Rhinozeros kannte, sperrte er es ein. Versprach ihm den schönsten roten Gummiball der Welt, um es bei Laune zu halten. Die Blumen verschiffte er nach Amsterdam und wurde ein steinreicher Mann.

Anfangs glaubte ihm das Rhinozeros noch, aber nach und nach kamen ihm Zweifel. Schließlich versuchte es auszubrechen. Doch es kam nie weit. Der holländische Blumenhändler musste ja nur der Spur der Blumen folgen. Das machte das Rhinozeros immer trauriger und es musste noch mehr weinen. Und je mehr es weinte, desto reicher wurde der Blumenhändler. Am Ende hatte das Rhinozeros alles aus sich herausgeheult. Als der Blumenhändler eines Morgens in den Stall kam, stand da nur noch eine leere Rhinozeroshülle. Er schrie es an, es solle endlich weinen und schlug es sogar. Aber es war nichts mehr übrig von dem Rhinozeros. Da ließ er es einfach auf den Müll werfen und machte sich aus dem Staub.

Glücklicherweise fand ich noch das Horn des Rhinozeros und pflanzte es in meinen Garten. Und siehe da, aus dem Horn wuchs ein wunderschöner Baum mit einer einzigen großen blauen Blüte. Und aus der blauen Blüte wurde eine steingraue Frucht. Die Frucht wuchs und wuchs, bis sie eines Tages zu einem Rhinozeros wurde, das lachend mit einem roten Gummiball auf mich zu lief und mir sagte, die Nummer A154 dürfe jetzt an Schalter 3 der Meldehalle…..

Foto via: Moonsofjupitr

Onkel Kurt – Die große Tragik des Brummtadara

Onkel Kurt steht immer sehr früh auf. Um 5.30 Uhr geht der Wecker, da gibt es keine Ausnahmen. Nie. Ohne zu Zögern springt er dann aus dem Bett und marschiert in Filzpantoffeln gemessenen Schrittes ins Bad. Waschen mit kaltem Wasser. Danach kämmte er sich die Gedanken und bindet ihnen fein säuberlich eine Krawatte um. Damit sie nicht spazieren gehen.  Wenn Gedanken spazieren gehen, finden sie Wege, die er nicht kennt und stoßen wohlmöglich auf Lösungen, die er nicht mag. Deshalb, so findet er, brauchen Gedanken eine Krawatte und müssen ordentlich gekämmt sein. Sonst kann man sie nicht in die Weltgeschichte lassen. Onkel Kurt wählt CDU, selbstredend, und ist im Männergesangsverein, selbstsingend.

Er mag seinen Vorgarten. Sein Vorgarten ist wie seine Gedanken. Immer ordentlich gekämmt mit akkuratem Scheitel – die Seiten kurz. In seinem Vorgarten fühlt er sich wohl. „Da wo es ordentlich ist, kann nichts Unvorhergesehenes passieren und schon mal gar keine Frau“, sagt er immer. Frauen mag Kurt nicht. Das war früher anders. Früher war Kurt der KTM-Kutti. Da sauste er mit seiner KTM-3-Gang durch die Stadt. Immer im Sakko mit Wildlederflicken am Ellenbogen. Immer mit einer Kippe im Maul. „Das ist ´ne KTM mit Doppelvergaser“, war ebenso eine Standardantwort, wie „Lecker Bierchen trinken“, wenn man ihn fragte, wo er hin wolle. Kutti ging immer lecker Bierchen trinken. Meist mit Siggi und Horst zum Kippe Mäck. Eine schmierige Eckkneipe an einer Ausfallstraße. Die Drei waren das Rat-Pack vom Kippe.

Die Abende endeten meist immer gleich. War Kutti voll, stieg er auf einen Stuhl und sang Brummtadara. Vorher nicht. Da konnten die Leute betteln, so viel sie wollten. Erst wenn nur noch Singen ging, stand Kutti auf dem Stuhl. Kutti hatte einen samtweichen Tenor. Der Männergesangsverein war die einzige Verbindung, die Kurt von Kutti geblieben ist. Kutti schaffte nie mehr als eine Strophe „Brummtadara“, wenn er auf dem Stuhl stand: „Brummtadara, Brummtadara, Müschen mötten stinken, die hat äwwer ouch eїn, da kann Perd drout trinken“. Dann fiel er vom Stuhl und wurde von Siggi und Horst rausgetragen.

Waren lecker Mädchen in der Nähe, verzichtete Kutti schon mal auf seine lecker Bierchen. Für lecker Mädchen hatte Kutti nicht nur einen samtweichen Tenor, sondern auch einen ebenso samtweichen Charme wie samtweiche Augen. Tante Irmgard, eine lichte, großgewachsene Blondine, war sogar ein richtig lecker Mädchen in Kuttis Lecker-Mädchen-Bewertungs-Skala. Drüber gab es nix. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters und du in meinem“, Kuttis Standardanmache zog bei Tante Irmgard nicht nur nicht, sie zog überhaupt gar nicht. Sie hatte eine Lache groß und saftig wie ein Kottelet. Und sie lachte den Kutti lang und schmutzig aus. Kutti wollte sich aber nicht geschlagen geben und zog alle Register. Tante Irmgard lachte immer lauter und saftiger. Am Ende war Kutti nur noch ein verzweifeltes Häuflein Elend. Da nahm Tante Irmgard den Kutti in den Arm, bestellte ihm einen Wodka Feige, küsste ihn so leidenschaftlich, dass ihm Hören und Sehen verging und sagte: „ So Kurtchen und jetzt sing mir Brummtadra“. Und Kutti sang zum ersten Mal Brummtadara, ohne vom Stuhl zu fallen – alle Strophen. In den nächsten Wochen und Monaten fuhren sie gemeinsam KTM-3-Gang. Kutti vorne mit Wildlederflicken und Kippe und Tante Irmgard hinten mit saftiger Lache und wehendem blondem Haar. Die KTM fuhr sie direkt ins Standesamt.

Es war ihr großes Herz mit dem Tante Irmgard dem Kutti die Gedanken kämmte. Und Kutti gefiel es. Denn Tante Irmgard fuhr nur ganz sacht mit dem Herzen durch seine Gedanken. Schaffte ein wenig Ordnung in den Krausen und ließ hier und da die lustigen, vorwitzigen Gedankenlöckchen stehen. „Jung, ich bin glücklich wie ein Geburtstagsständchen“, sagte Kutti, aus dem längst Kurtchen geworden war. Immer häufiger blieb das Moped in der Garage. Statt lecker Bierchen trinken, malte Kurtchen mit Tante Irmgard ein Leben. Gemeinsam kuschelten sie sich tief in die kleine Dachkammer, die sie bewohnten und malten einen kühlen Bach an einem Sommertag. Von dem Bach führte ein staubiger Feldweg zu einem kleinen Fachwerkhaus in den Wupperbergen. Ihrem Fachwerkhäuschen in den Wupperbergen.

Das gemeinsame Haus war gerade gekauft, als Tante Irmgard starb. Krebs. Ihr blieben nur ein paar Wochen von der Diagnose bis zum Ende. Das hat Onkel Kurt aus der Bahn geworfen. Und in seinem Kummer hat er sich die Gedanken streng nach hinten frisiert. All die Löckchen, die Tante Irmgard so liebevoll gepflegt hat, hat er abrasiert. Zu allem Überfluss bekommen die Gedanken jetzt auch noch eine Krawatte umgebunden. Seit dem wählt er CDU und redet mit kaum jemandem. Die Leute glauben, er spricht nur noch mit den Blumen in seinem Vorgarten. Als Kind habe ich ihn belauscht. Ich weiß, dass er mit jemandem redet und manchmal mit traurigem, samtweichem Tenor „Brummtadara“ singt.